Backe, backe Kipferl
Bauzustand
Hochhaus und Hotel sind bereits fertiggestellt. Die übrigen Gebäude im sogenannten Viertel Zwei am Rande des Wiener Praters sind noch Baustelle. Insgesamt sind drei Architekturbüros und ein Landschaftsplanungsbüro mit von der Partie. Im Schatten des sichelförmigen Turms entsteht unter anderem das Rund Vier. Krosse Büro-Croissants, vier Stück an der Zahl.
Hoch Zwei, Plus Zwei, Biz Zwei und dann auch noch Rund Vier? Das modische, etwas anglikanisch angehauchte Projektmarketing des sogenannten Viertel Zwei entzündet anfänglich noch eine unübersehbare Portion Skepsis. Mittlerweile hat sich das Stadtviertel hinter dem Wiener Messegelände voll und ganz etabliert. Obwohl noch in Bau, ist schon jetzt absehbar, dass Standort und Bebauungskonzept weitaus besser miteinander harmonieren als bei vielen anderen Stadtteil-Projekten, die in den vergangenen Jahren eifrig aus dem Kreativtopf herausgelöffelt wurden. Der erste Gang ist bereits angerichtet. Anfang des Jahres wurde das 80 Meter hohe Hochhaus Hoch Zwei von Henke und Schreieck Architekten fertiggestellt und an die Mieter übergeben. Die Übersiedelungsarbeiten des Mineralöl-Konzerns OMV sind bereits in Gange. "Dank der OMV ist die Attraktivität an diesem Standort nochmals stark gestiegen", erklärt Sabine Ullrich, Geschäftsführerin der IC Projektentwicklung GmbH, die für die Bebauung des gesamten Areals zuständig ist. "Es gibt schon weitere fixe Mieter und darüber hinaus eine Handvoll Interessenten." Das Vier-Sterne-Hotel Courtyard by Marriott (Architekten Zechner & Zechner) wurde bereits zur EURO 2008 fertiggestellt, der OMV Erweiterungsbau Plus Zwei von Architekt Martin Kohlbauer ist kurz davor. Über die anderen möglichen Mieter schweigt sich Ullrich noch aus.
Am Anfang stand ein Wettbewerb
Zur Projektgenese: Im Jahr 2004 schrieb die IC einen geladenen Wettbewerb aus. Neun Architekten nahmen daran teil. Henke und Schreieck entschieden das Verfahren mit ihrem signifikanten Turm für sich. Im Jahr darauf wurden die im Masterplan festgelegten Parzellen einem weiteren Wettbewerb unterzogen. "Ich glaube an das Prinzip des Wettbewerbs", so Ullrich, "einerseits wird uns dadurch die bestmögliche Qualität zuteil, andererseits haben wir damit eine fundierte Basis für konstruktive Gespräche mir der Stadt geschaffen." Wohlüberlegt ist auch das grüne Nichts zwischen den Gebäuden. Die Landschaftsplanung stammt vom deutschen Büro WES & Partner, deren bekanntester Landschaftsentwurf wahrscheinlich die Autostadt Wolfsburg ist. Mit ihrem Freiraumkonzept fürs Viertel zwei trafen sie - gewappnet mit Mut zum Risiko - voll ins Schwarze und mitten ins Wasser. Entgegen der Forderungen der Stadt Wien siedelten sie die Freiräume nämlich nicht am Rande des Business-Areals an, sondern konzentrierten den Grünraum ins Zentrum. Herzstück des neuen Clusters wird der längliche, 5.000 Quadratmeter große See in der Mitte sein. "Ich bin schon gespannt, wie wir das juristisch in den Griff kriegen", sagt Ullrich, "eigentlich ist Baden strengstens verboten, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der See im Sommer nicht das eine oder andere Kind zum reinspringen animieren wird." Etwas gemäßigter fällt die Vision für die Erwachsenen aus: "Ich sehe die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits auf den Stufen sitzen, Zeitung lesen und Lunchpaket essen", so Ullrich, "entweder mir den Füßen im Wasser oder auch nicht."
Ein Baustellenrundgang
Noch ist alles Matsch und Gatsch. Geträumt wird später. Jetzt wird die Baustelle begangen. Objekt der architektonischen Begierde ist das Projekt Rund Vier von Dieter Henke und Marta Schreieck. Vier Kipferl - auch von anatomischen Nieren und wohlschmeckenden Croissants ist bereits die Rede gewesen - ergeben in lockerer Gruppierung eine weiche Kante zur angrenzenden Trabrennbahn. Fest steht: Wer hier eines Tages im Büro sitzen wird, der dürfte sich in kürzester Zeit zum Wettprofi in Sachen Pferderennen entwickeln. Rennbahn, Tribünen und wiehernde Galopper sind hübsch im Bild. Einem inspirierenden Sonntag steht also nichts im Weg. "Wir haben mehrer Typologien für das Areal ausprobiert", erklärte Marta Schreieck, "letztendlich sind wir bei dieser amorphen Form gelandet, weil sie sich als optimal für das Grundstück und außerdem als äußerst nutzungsflexibel herausgestellt hat." Durch die gekrümmte Form, die in der Mitte dicker ist als am Rand, haben Erschließungskern und Infrastruktur ausreichend Platz. Auf diese Weise wurde die unbelichtete Mittelzone die in der Regel Nebenräume und Sanitär aufnimmt, auf die nötige Mindestgröße reduziert. "Das Problem bei einer parallelen Raumorganisation ist, dass die Mittelzone meist viel zu groß ausfällt. Die innenliegende Nutzungsfläche ist dunkel, umständlich in der Vermietung und daher ineffizient." Auch die Auftraggeberin gibt sich zufrieden: "Ich war in die runden Formen von Anfang an verliebt", so Ullrich, "entgegen anfänglicher Befürchtungen haben sich die Grundrisse als äußerst effizient herausgestellt." Einer in Auftrag gegebenen Belegungsstudie zufolge sind rund 85 Prozent der Bruttogeschoßfläche vermietbar. Drei Viertel der Mietfläche liegen außerdem im unmittelbaren Fensterbereich und sind somit natürlich belichtet. Zu verdanken ist das dem durch die Krümmung vergrößerten Gebäudeumriss. Hinzu kommt, dass die einzelnen Gebäude mit je vier, fünf, sechs und sieben Geschoßen abgeschlossene Einheit in stark nachgefragten Größen ergeben. Die Gesamtnutzfläche pro Haus beträgt zwischen 3.000 und 6.000 Quadratmeter: "Eine ideale Größe für Company Buildings", stellt Ullrich fest, "es ist ein immenser Unterschied, ob ich ein paar Geschoße in einer großen Struktur miete oder ein ganzes Haus, in dem ich Alleinmieter bin."
Rationalisiert und vereinfacht
Hinter den fröhlichen Kipferl verbirgt sich eine stringente und klassische Bauweise: Stahlbeton mit massiven Decken, aussteifenden Betonkern und massiven Rundsäulen. Zu Beginn waren die vier Gebäudegrundrisse noch unterschiedlich. "Wünschen darf man sich viel", so Schreieck, "aber irgendwann ist es nötig, zu rationalisieren und die Grundrisse zu vereinfachen." Dem Projekt tut dies keinen Abbruch. Durch die unterschiedliche Stellung der Baukörper zueinander entstehen dazwischen immer wieder andere Freiräume. Mal sieht man zwischen diese hindurch, mal ergibt sein ein intimer Garten. Die Architektin: "Obwohl die Gebäude eigentlich sehr nah beieinanderstehen, blickt man aus den Innenräumen fast immer daran vorbei in die Ferne." Innen geht es wirtschaftlich weiter. Die Innenausstattung ist "state of the art". Nicht weniger und nicht mehr. Sämtliche Innenräume verfügen über einen Doppelboden mit Teppichfliesen. Da im Hohlraum leichter Überdruck herrscht, der in gezielten Auslässen unter den Radiatoren den Arbeitsplätzen als Frischluft zugeführt wird, musste auf eine dichte Verlegung geachtet werden. Über den Köpfen gibt es im Mittelbereich eine abgehängte Decke. "Haustechnik und Abluft im Überkopfbereich haben wir in der Gebäudemitte konzentriert zusammengefasst.", erklärt Garvin Rae, Projektleiter bei Henke und Schreieck, "dadurch können wir entlang der Fassade die volle Raumhöhe ausnutzen." Die Betondecke wird lediglich gespachtelt und gestrichen. Da die massiven Bauteile nicht verkleidet werden, konnte eine Betonkernkühlung vorgesehen werden. Die künstliche Belichtung über den Arbeitsplätzen erfolgt über Stehleuchten mit Deckenstrahlung. Für den Fall, dass ein Mieter partout eine Deckenleuchte will, wurden Blinddosen mit Leerverrohrung vorgesehen. Die Fensterbrüstungen sind mit 72 Zentimetern der Schreibtischhöhe angepasst. Unter den Fenstern wurden Konvektoren angeordnet. Bei der Gebäudehülle selbst handelt es sich um eine Elementfassade - eine Vorgabe des Auftraggebers. Die Rahmen werden fix und fertig auf die Baustelle geliefert und an die polygonale Kontur des Rohbaus montiert. Durch spezielle Profile im Randbereich können die konvexen und konkaven Krümmungen einzig und allein durch die Dichtungen aufgenommen werden. Einige der Elemente haben Lüftungsflügel eingebaut. Statt der ursprünglich geplanten Ausstellfenster kommen aus Kostengründen nur Senkklapp-Flügel zum Einsatz. Gestalterisches Gimmick der Nullerjahre: Die zu öffnenden Lüftungsflügel sind blickdicht ausgeführt. Die Farbgestaltung der pulverbeschichteten Stahlplatten stammt von Ursula Aichwalder: "Wir haben in Zusammenarbeit viele unterschiedliche Farbkombinationen ausprobiert", sagen die Architekten, "schließlich haben wir uns auf eine sehr dezente Farbgebung geeinigt." Man kann sich schon vorstellen, was das bedeutet - gerade aus dem Munde von Kreativen, deren Palette bei Grau beginnt und bei grau wieder aufhört. Die Fensterflügel sind dunkel - mit größter Anstrengung kann man Nuancen von Ocker, Aubergine und Olivgrün wahrnehmen. "Das Schöne an der Fassade ist, dass je nach Sonnenlicht mal die eine und mal die andere Farbe in den Vordergrund tritt." Die vier Croissants im ersten Geschmacktest: eine runde Sache. Auf Bauherrn- und Planerseite ist Zufriedenheit herauszuhören. Kein Zweifel daran, dass bei diesem Projekt so viel abgespeckt werden musste wie überall sonst auch. Die Gebäudeformen wurden vereinheitlicht, die geplanten schrägen Dächer verabschiedeten sich irgendwann im Laufe der Planung und die Gebäudetechnik ist bestenfalls guter Durchschnitt. Gut, dass das architektonische Konzept von Anfang an so flexibel und so konsistent war, dass auch die realisierte Variante Rund Vier light noch immer stattlich und qualitativ daherkommt. Das Projekt ist identitätsstiftend, weckt Sympathie und lockt Mieter. Von Schonkost keine Spur. Viel besser kann man Investorenarchitektur in Krisenzeiten nicht machen.